2018 Warum funktionieren Idealtypen
Religionswissenschaftliches Seminar
Kantonsschulstrasse 1
8001 Zürich
Warum funktionieren Idealtypen? Versuch und Reflexion über Webers religiöse Idealtypen an einem aktuellen Fall
Leistungsnachweis für die Syn-VL 3
Einführung in die Religionssoziologie
von Prof. Dr. Rafael Walthert im Frühjahrssemester 2018 im Fach Religionswissenschaft an der Universität Zürich
Eingereicht von: Antje Garrels-Nikisch am 12.07.2018
Wiesendangerstr. 9b, 8352 Elsau
078 830 2081, antje.garrels-nikisch@uzh.ch
HF 90 Religionswissenschaft, HF 90 Populäre Kulturen
Matrikelnummer 10523546
Einleitung
In diesem Essay geht es nach einem Einführungsseminar in die Religionssoziologie um die Frage, warum sich mit Webers religiösen Idealtypen auch hundert Jahre später noch gut arbeiten lässt, obwohl von Weber als zentrale Voraussetzungen genutzte Phänomene sich als nicht haltbar erwiesen[1].
Weber und die Textgrundlage
Webers Buch Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der verstehenden Soziologie erschien 1922 posthum und fasst Webers Arbeiten von 1910 - 1920 zusammen; darin ordnete er im Hinblick auf sein Erkenntnisinteresse die gesamte historische Entwicklung, wie sie ihm zugänglich war, bis zum 20. Jahrhundert (vgl. Kieser/Kubicek 1978 Organisationstheorien: 78; 82).
Im vorliegenden fünften Kapitel erklärte Max Weber, wie er sich das Entstehen der Religionen aus Bedingungen und Faktoren vorstellte. Kehrer charakterisiert dieses Kapitel über die hohe Aufmerksamkeit, die Weber dem Abschnitt Stände, Klassen und Religion widmet.
Religion habe Weber als eine Haltung interessiert, die sich auf das Verstehen anderer soziokultureller Bereiche wie Politik oder Familie richtete (vgl. Kehrer: 128), um eine „einfache Punkt-zu-Punkt-Korrelation zwischen sozialer Lage und religiöser Haltung“ (ebd.: 127) sei es Weber nicht gegangen.
Was anzunehmen Weber selbstverständlich war, lässt sich an folgendem aus seinem Text genommenen Satz zeigen (dem Muster nach ähnliche kommen öfter vor):
Ehe wir die Art betrachten, wie durch die Einwirkung dieser außerpriesterlichen Faktoren die Religionen nach Überwindung der überall auf der Erde sehr ähnlichen Stufen der Magie fortentwickelt werden, müssen wir gewisse typische Entwicklungstendenzen feststellen, welche durch Vorhandensein priesterlicher Interessen eines Kultus in Bewegung gesetzt werden (Weber 1980/1922: 260f).
Weber dachte also in Kategorien von Ursache und Wirkung und Fortschritt; für ihn hatten soziale Vorzustände – irdisch überall ähnliche Stufen der Magie – und nachvollziehbare Gründe – priesterliche Interessen – zu konkretem Handeln Einzelner geführt und dies insgesamt zur kapitalistisch funktionierenden Gesellschaft. Weber (an-)erkannte sich im Kapitalismus zu befinden und fragte auf die ihm zugängliche Menschheitsgeschichte rückblickend: Wie kam es hierzu? Hier interessiert nun auch: Wie kam Weber darauf?
Webers Lage und Ansatz: Idealtypen in komplexer Umgebung.
Weber lebte kognitiv gesehen in einer Gesellschaft, die nicht nur er als kapitalistisch und dorthin fortgeschritten verstand. Religion instrumentalisierte er, um das soziale Phänomen bzw. die Konstruktion Kapitalismus zu erschließen – rational und nicht religiös. Rational war für Weber sozial pragmatisches Handeln in konkreter Lage: an Zwecken, Werten, Affekten und Traditionen orientiert (vgl. Institutswiki); Handeln wiederum versteht er als an sozialen Stabilitäten orientiertes subjektiv sinnvolles Verhalten: „Regelmäßigkeiten im sozialen Handeln, die den Gegenstand der Soziologie im Sinne Webers darstellen, beruhen darauf, daß mehrere Handelnde von dem gleichen, auf das Verhalten anderer bezogenen gemeinten Sinn ausgehen“ (Kieser/Kubicek 1978: 85, kursiv bei K/K).
Die Umgebung von Idealtypen
In der Frage, was ein Idealtypus sein bzw. leisten soll, hilft Webers Einordnung dieses Instruments innerhalb sozialwissenschaftlicher Theoriebildung weiter. Sozialwissenschaftliche Theorien verstand er als zweckmäßig gebildete, einem utopischen Idealbild entsprechende beispielhafte theoretische Gebilde (vgl. Weber 1922/1904: 190). Er dachte dies im Singular, also an nur eine Theorie der historisch situierten Wirtschaft, deren „Bedeutung […] für die sozialwissenschaftliche Erkenntnis“ Beispiel einer Synthese sein solle, „welche man als ‚Ideen‘ historischer Erscheinungen zu bezeichnen pflegt“ (ebd.). Via Idealtypen sei eine solche Theorie pragmatisch zu veranschaulichen und verständlich zu machen (vgl. ebd.). Gewonnen werden sollten Idealtypen „durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbilde“ (ebd.: 191.) Ein Idealtypus komme empirisch nicht vor, doch sei wissenschaftlich jeweils festzustellen „wie nahe oder wie fern die Wirklichkeit jenem Idealbilde steht“ (ebd.) Ein Idealtypus sei keine „Darstellung des Wirklichen, aber er will der Darstellung eindeutige Ausdrucksmittel verleihen“ und soll der „Hypothesenbildung die Richtung weisen“ (ebd.: 190).
Zusammengefasst ist sozialwissenschaftliche Theorie für Weber Modellbildung, um (historische) Realität zu verstehen und Idealtypenbildung ein Weg dorthin. Idealtypen sollten einen komplexen Wahrnehmungseindruck eindeutig ausdrücken, weiterem Spekulieren dienen und das Modell verbessern helfen. Am ehesten sind Idealtypen erfahrungsabhängige menschlicher Wahrnehmung angepasste Handlungsmodelle, über die sozial Abgelaufenes durch Simulieren verstanden werden können, indem man sich in die Umwelt und Lage der Modelle versetzt. Insofern sind Idealtypen ein anthropomorphes Tool, das je nach persönlicher Ausstattung und bisher gemachten Erfahrungen zu verschiedenen Ergebnissen führt. Je ähnlicher Umgebung und Erfahrungen von Produzent und Rezipient, desto einleuchtender werden die Ergebnisse anderen sein.
Webers religiöse Idealtypen
Um die kapitalistische Gesellschaft zu verstehen, nutzt Weber also Religion und um wiederum diese zu verstehen, religiöse Idealtypen: Zauberer, die unter Bedingungen der religiösen Vorstufe „Magie“ konkret bedarfsweise arbeiten; Priester, die religiöse Systeme kontinuierlich erhalten; Propheten, die Diskontinuitäten im religiösen Verständnis verstehbar machen und Laien, die beherrscht werden (vgl.: grafische Interpretation Bourdieus 2000: 16). Mit einem Idealtypus fasst jemand Wesentliches zusammen und lässt ihm Unwesentliches weg; Idealtypen werden systemspezifisch erkannt und verstanden. Das je Wesentliche wird reduziert – im Fall von Priestern, Zauberern, Propheten und Laien heißt das Wesentliche im Fall Webers Religion. Was etwa Priester und Zauberer unterscheidet erklärt Weber hier: „Man kann entsprechend der Scheidung von ‚Kultus‘ und ‚Zauberei‘ als ‚Priester‘ diejenigen berufsmäßigen Funktionäre bezeichnen, welche durch Mittel der Verehrung die ‚Götter‘ beeinflussen, im Gegensatz zu den Zauberern, welche ‚Dämonen‘ durch magische Mittel zwingen“ (Weber 1922: 241). Hier ist zu sehen, dass Weber „seine“ Gesellschaft in einem Zug versteht und erklärt: Er macht sie sich und anderen verständlich, indem er Handeln nachvollziehbar macht. Dazu nutzt er etwas Allgemeinverständliches: Idealtypen.
Was funktioniert an Webers Idealtypen?
Webers Text erfordert gewisse Toleranz, da vieles überlesen werden muss, das heute nicht mehr gelten kann; darunter Aussagen, die nicht nebensächlich für seine Art zu verstehen sind. Dennoch: Obwohl von Weber als zentrale Voraussetzungen genutzte Phänomene sich als nicht haltbar erwiesen[2], funktioniert Verstehen sozial komplexer Beobachtungsbefunde via Idealtypen oft erstaunlich gut.
Das zeigt ein aktuelles Beispiel qualitativ ausgerichteter Forschung, auf das ich drei der vier Weber nach die religiöse Entwicklung tragenden Idealtypen anwende (die Propheten bleiben ausgeklammert).
Ein Anwendungsbeispiel: Krank oder vom Teufel besessen?
Stephanie Gripentrog betrachtet in ihrer Studie Anormalität und Religion historische „Grenzarbeit zwischen Psychologie- und Religionsdiskursen“ (2016: 39). Sie sucht aus der Perspektive der heute gut unterscheidbaren Feldern Psychologie und Religion religionstheoretisches Potenzial (vgl. ebd.: 23) und wertet historische Diskurse aus, welche das Fach Psychologie anfangs prägten. Gripentrog fragt:
woher die Gegenstände, Methoden, Regeln und Techniken kommen, die heute in der ‚Disziplin Psychologie‘ zusammengefasst sind und wie es zugleich kommen kann, dass Phänomene wie die ‚Besessenheit‘ immer noch parallel dazu existieren (ebd.: 30).
Ihren Text eröffnet sie mit einem Beispiel aus einem Film: an einer Person wird ein Exorzismus durchgeführt. Dabei besteht ein Konflikt, ob die Person entweder als psychisch erkrankt oder vom Teufel besessen einzuordnen ist (vgl. ebd.: 15f). Den Bewertungskonflikt krank oder besessen? hält sie für zentral für die Entwicklung des Fachs Psychologie, sie erkennt darin ein Kräftemessen (ebd.: 34) bzw. -ringen, das stark auf ‚Anormalität‘ ausgerichtet gewesen sei: Beiderseits sei Ideologie strategisch im Kampf um Macht und Vorteil eingesetzt worden (ebd.: 42f, Hervorhebung bei G.).
Von der Kategorie, die sich jeweils durchsetzt, hängt ab, welches System hier legitim Hilfe leisten kann: das religiöse System Katholische Kirche via Experten für Exorzismus oder das Gesundheitssystem via Experten für Psychiatrie bzw. Psychologie.
Warum funktioniert das Verstehen via Idealtypen?
Schaut man auf Gripentrog und Weber wird erkennbar, dass beide ein verstehendes – ein qualitatives – Vorgehen nicht nur verwenden, sondern auch bieten: das oben anthropomorph genannte Tool. Gripentrogs Fallbeispiel macht einen Konflikt verstehbar, indem es erlaubt, fiktive Personen in deren Gesamtlage zu simulieren. Nichts anderes macht Weber mit seinen Idealtypen: sie sind nachvollziehbar und wenn nicht, regen sie dennoch an, die Erkenntnisarbeit weiterzutreiben.
Gripentrog arbeitet diskurstheoretisch (vgl.: 29f), das macht Standortunabhängigkeit, Neutralität oder Objektivität hinfällig (vgl.: 46), sie verstrickt sich damit in den Diskurs, den sie thematisiert (vgl.: 47). Sie kapriziert sich nicht auf Produkte (das Was), sondern auf Produzieren (das Wie), welches reale Qualitäten erzeugt; bezüglich Anormalität gehe es um Normal-Machen und nicht Normal-Sein (vgl.: 40), Normalitätsgrenzen würden diskursiv ausgehandelt, über deren Lage werde sozial in- bzw. exkludiert (vgl.: 40f).
Gripentrog ist in den Diskurs verstrickt, den sie thematisiert und das trifft auch für Weber zu: seine Idealtypen erkennt er aus dem System, das damit erkannt werden soll. Weber baut wie Gripentrog zentral darauf, wie produziert wurde, was er erkennt.
Auf Gripentrogs Arbeit angewendet, funktioniert das Verstehen über Webers Idealtypen weiter, ein Hinweis darauf, dass neben dem Inhalt noch etwas Stabileres erkannt wurde. Weber und Gripentrog schreiben je perspektivisch und verstrickt über ein Ganzes, aber ohne den Anspruch, das Ganze und nur das dieses perfekt zu beschreiben. Sie beschreiben Wesentliches und lassen Unwesentliches weg.
Schlussreflexion
Weber sieht zwei religiöse Typen im Wettbewerb um die Gunst der Laien. Gripentrog findet einen sich wiederholenden Konflikt um krank oder besessen. In beiden Fällen – besessen oder krank – würde die Person im Fallbeispiel als anormal einsortiert bzw. ausgesondert und als behandlungsbedürftig angesehen.
Hier fällt mir vor allem dies auf: die Konkurrenzsituation wird als normal im Sinne von selbsterklärend empfunden. Setzt man als behandlungsbedürftig erkannte Menschen am Platzhalter Laien ein, erscheint es fast schon logisch, dass um in der einen oder anderen Weise gewinnbringende Dienstleistungen an ihnen aus verschiedenen Perspektiven konkurriert wird; und das nicht mehr bloß aus religiöser Sicht.
Akzeptiert man Gripentrogs Ergebnisse als zutreffend, wäre aus religiöser Sicht (mit Weber: aus der Sicht von Priestern) mit psychologischen Experten außerreligiöse Konkurrenz aufgetreten. Das Gesundheitswesen gewann seine Expertise über die neue Disziplin Psychologie, doch allzu detailliertes Hinsehen würde Wesentliches verdecken: Obwohl Psychotherapie ist keine Zauberei ist und psychisches Heil nicht Seelenheil, ähneln viele Klienten Bauern mit diesseitigen Problemen. Metaperspektivisch gesehen wurde ein Muster kopiert und adaptiert, das sich nun sowohl in der Religion wie auch im psychologischen Zweig des aktuellen Gesundheitswesens reproduziert.
Die Konkurrenten richten sich auf eine Art sozialer Allmende, eine langfristig ausbeutbare Ressource: den Hilfebedarf der Laien. Dieser scheint stabil, erneuert sich quasi nachhaltig selbst, wenn man voraussetzt, dass a) jeder Mensch in Lagen kommen kann, in denen persönliches Leid unerklärlich oder unerträglich wird und (Er-)Lösung – Rat, Hilfe und Schutz – bei anderen gesucht wird und b) jedes soziale System mit von der gültigen Ordnung abweichenden Einzelnen umgehen muss.
Mit der Anthropomorphie von Idealtypen ist eine kognitive Eingängigkeit verbunden, die problematisch sein kann: Im Herstellen von Idealtypen soll idealerweise bewusst und transparent dem wissenschaftlichen Zweck nach reduziert werden. Und gerade die Subjektivität scheint entscheidend für die wissenschaftliche Qualität: Idealtypen scheinen gerade wegen ihres intern verzerrten Profils zu funktionieren, welches in realen Umgebungen (Ausschnitte der Realität) mehr oder weniger Sinn ergibt. Ob es je Zauberer oder Propheten gab, scheint unwesentlich. An Idealtypen funktioniert nicht das richtig oder falsch, sondern sie an reale Bedingungen anzulegen. Leuchtet ein Idealtypus in einem Umfeld vielen ein, bedeutet er Menschen dort etwas – löst also Gefühle von Zustimmung, Ablehnung oder Ambivalenz aus. Idealtypen lassen sich wie Platzhalter einer allgemeingültigen mathematischen Gleichung verwenden; in neue konkrete Umgebungen eingesetzt erlauben sie, theoriegestützt über Abweichungen zu spekulieren.
Im Anwenden von Idealtypen scheinen normative Effekte naheliegend – etwa so, wie wenn im Fall von Statistik ein Mittelwert verallgemeinert wird. So würden idealtypisch beschriebene Priester das Bild realer Priester prägen und diese Reduktion durch Verallgemeinerung scheint selten bewusst. Man glaubt, dem Urteil wissenschaftlicher Experten zu glauben und ignoriert die Informationen über die Bedingungen des Zustandekommens.
Literatur und Quellen:
Gripentrog, Stephanie (2016): Anormalität und Religion: zur Entstehung der Psychologie im Kontext der europäischen Religionsgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Würzburg: Ergon Verlag, 15-56.
Institutswiki: Handlung nach Max Weber, http://www.religionswissenschaft.uzh.ch/static/srw/index.php?n=Main.HandlungNachMaxWeber , Stand 26.06.2018.
Kehrer, Günter (2010): Max Weber, in: Michaels, Axel (Hg.): Klassiker der Religionswissenschaft. Von Friedrich Schleiermacher bis Mircea Eliade, 3. Auflage, München: Beck, S. 120–132.
Kieser, Alfred; Kubicek, Herbert (1978): Organisationstheorien. Stuttgart: Kohlhammer.
Weber, Max (1980/1922): Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der verstehenden Soziologie, 5. revidierte Auflage, Studienausgabe, Tübingen: Mohr.
Weber, Max (1922/1904): Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen: Mohr, 146-214, pdf online: http://ia800206.us.archive.org/14/items/gesammelteaufs00webeuoft/gesammelteaufs00webeuoft.pdf
[1] So nahm er etwa eine inhärent getriebenen Sonderentwicklung Israels an (vgl. Kehrer: 130) und übernahm ohne Weiteres die Idee, Magie sei eine Vorstufe von Religion.
[2] So nahm er etwa eine inhärent getriebenen Sonderentwicklung Israels an (vgl. Kehrer: 130) und übernahm kritiklos die Idee, Magie sei eine Vorstufe von Religion.